BETAMOVE bietet mehrtägige Technik- und Taktikkurse zum Thema Mehrseillängen an. Es ist mehr als nur ein Kletterabenteuer.
Prinzip einer Seilschaft
Beim Klettern sind sichere und koordinierte Abläufe in der Seilschaft essenziell. Sie bilden das Rückgrat jeder erfolgreichen Mehrseillängen-Tour oder alpinen Kletterpartie.
Eine Seilschaft beschreibt eine Gruppe von Kletternden, die durch ein Seil verbunden sind. Das Seil dient nicht nur dazu, Stürze besser abzufangen, sondern auch gemeinsam Verantwortung zu tragen und effizient durchs Gelände zu kommen. Innerhalb der Seilschaft übernehmen die Mitglieder definierte Rollen: Die Vorsteigerin oder der Vorsteiger klettert voraus, sichert die Route mit Zwischensicherungen ab und baut den Standplatz auf. Die Nachsteigerin oder der Nachsteiger folgt und nimmt das Sicherungsmaterial wieder mit.
Das übergeordnete Ziel einer Seilschaft ist maximale Sicherheit – vor Stürzen, Steinschlag oder anderen Gefahren. Dazu gehört fundiertes Know-how über Sicherungstechniken, Knoten und Seilmanagement sowie die konsequente Einhaltung von Sicherheitsregeln. Gleichzeitig unterstützt eine gut organisierte Seilschaft eine effiziente Fortbewegung, denn Zeit am Fels ist immer auch ein Sicherheitsfaktor. Ganz wesentlich ist zudem die klare, offene Kommunikation, die Vertrauen schafft und Fehlerquellen minimiert.
Ziel der Mehrseillänge ist eine effiziente, koordinierte und sichere Durchführung der Seilschaft.
Abläufe und Varianten einer 2er-Seilschaft
Die gebräuchlichste Methode ist die Wechselführung: Die Partner wechseln sich nach jeder Seillänge ab, ohne dass die Sicherung am Stand umgebaut werden muss. Das bringt Tempo und Flexibilität, hat aber den Nachteil, dass schwächere Kletternde nicht vorsteigen können, wenn die nächste Seillänge zu schwer ist.
Alternativ existiert das Raupenprinzip, bei dem der Vorsteiger seine Rolle über mehrere Seillängen beibehält und der Nachsteiger jeweils sichernd folgt. Vorteilhaft, wenn eine Person deutlich schwächer oder unsicherer ist – nachteilig durch den zusätzlichen Zeitaufwand für den Rollenwechsel am Stand (manchmal über fünf Minuten bei Ungeübten) sowie die höhere Belastung für den Vorsteiger.
Daneben gibt es Mischvarianten wie die Blockführung (eine Person steigt mehrere Seillängen am Stück vor, z. B. drei, bevor gewechselt wird) und das Klettern mit nur Zwischensicherungen, bei dem eine Person vorführt und die zweite ohne definierte Standplätze im Abstand nachklettert – geeignet für schnelle Fortbewegung, wenn die Route kaum sichere Standplätze bietet.
Unterschiede zum Sportklettern
Beim Sportklettern handelt es sich meist um einfache Seillängen (1 SL) vom Boden aus, oft mit fest installierten Bohrhaken. Zur Sicherung genügt meist ein Knoten, das Material umfasst in der Regel nur Expressen.
Mehrseillängen-Klettern bezeichnet dagegen Routen ab mindestens einer Seillänge vom Boden aufwärts. Technik, Ausrüstung und Sicherung sind anspruchsvoller: Typischerweise werden Tube und HMS verwendet, das Knotenkönnen ist umfangreicher, und es wird meist mehr Sicherungsmaterial benötigt, besonders wenn die Route nicht optimal saniert ist.
Auch Organisation und Ablauf unterscheiden sich: Beim Sportklettern sind Wartezeiten kurz, ein Rückzug meist schnell möglich, Zustiege oft kurz. Beim Mehrseillängen-Klettern kann es zu längeren Wartezeiten am Standplatz kommen, die Routenführung kann unübersichtlich sein, ein Rückzug gestaltet sich oft schwieriger, und Zu- sowie Abstiege sind häufig lang.
Strategische Grundsätze
Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg und zur Sicherheit. Während beim Sportklettern die Kommandos auf ein paar Wörter wie „Seil“, „Zu“ oder „Ab“ beschränkt sind, ist der Kommunikationsbedarf bei Mehrseillängen deutlich umfangreicher: „Stand“, „Nachkommen“, „Zu“, „Klettern“, „Seil aus“, „Steinschlag“, „Seil frei“ und weitere.
Neben der technischen Verständigung braucht es eine offene Kommunikation über Ängste, Bedenken und Erwartungen innerhalb der Seilschaft: persönliche Grenzen zu Höhe, Klettertempo und Umgang mit Risiken, die Zielsetzung der Tour (Spaß, Leistung oder bewusstes Erlebnis) und der mögliche Rückzug sollten im Vorfeld gemeinsam besprochen werden.
Da Mehrseillängen oft lange dauern und anspruchsvoll sind, liegen Nerven mal blank. Probleme oder genervte Reaktionen sollten frühzeitig angesprochen werden – den „Elefanten im Raum“ offen benennen, statt ihn zu ignorieren.
Anders als das eher asymmetrische Kommunikationsmodell beim Sportklettern braucht Mehrseillängenklettern eine symmetrische Kommunikation auf Augenhöhe, bei der jede Meinung und jedes Signal gleichwertig gehört wird.
Und nicht zu vergessen: Der Abstieg ist ebenfalls anspruchsvoll und potenziell gefährlich. Erst wenn alle wieder sicher am Auto sind, ist die Tour wirklich beendet. Das Motto heißt: „Planung ist das halbe Leben.“
Taktik & Routenwahl
Rahmenbedingungen und Vorbereitung
- Warm machen und warm bleiben: Vor dem Einstieg und zwischendurch gut aufwärmen und die Körpertemperatur halten.
- Wetter und mentaler Zustand: Wetterprognosen sorgfältig prüfen; Unsicherheit oder Müdigkeit wirken sich negativ auf das Klettern aus.
- Motivation: Warum genau diese Route? Was ist dein Ziel bei dieser Tour?
Gelände und Routenverlauf im Blick
Bevor es losgeht, sollte das Gelände sorgfältig aus der Distanz inspiziert werden:
- Gibt es sichere Standplätze für Pausen?
- Gibt es alternative Wege oder Ausweichmöglichkeiten?
- Wo kann Steinschlag auftreten?
Am Wandfuß verliert man leicht die Perspektive; ein vorheriger Überblick ist daher enorm wichtig.
Sicherheitsfaktoren, Material und interne Faktoren
- Kennt jeder in der Gruppe die Erste-Hilfe-Maßnahmen?
- Empfehlenswert: eine Schwierigkeit wählen, die etwa zwei Grade unter der persönlichen Sportkletterleistung liegt.
- Wer übernimmt welche Aufgaben, wie wird das Material verteilt?
- Wie viel Material ist wirklich nötig, um den Mehraufwand zu rechtfertigen? Ein oder zwei Rucksäcke?
- Kraftsparend klettern, die eigene Geschwindigkeit der Ausdauer anpassen, warm bleiben an Standplätzen.
- Muss zwingend ohne Sturz geklettert werden? Ist das notwendige Material vorhanden, oder gibt es Alternativen?
Die Entscheidung für eine Route erfordert volle Konzentration und zügige Bewegung. Das Ego darf dabei keinen Platz haben.
Kriterien für die Routenwahl
- Stil und Beschreibung: Passt der Stil der Route zu deinen Fähigkeiten?
- Geländewahl: Fühlst du dich im Terrain wohl? Ist der Fels brüchig?
- Routenlage: Was befindet sich über der Route? Wald, Stein, loses Gestein?
- Schwierigkeit: Entspricht der Grad deinem Können?
- Länge und Seillängen: Erfordert die Länge spezielles Equipment?
- Absicherung: Normalhaken, große Abstände, technisches Klettern (A0–A5)? Wie alt sind die Sicherungen?
- Hilfe: Wie schnell kann im Notfall Hilfe eintreffen? Gibt es eine Anflugmöglichkeit?
- Rückzugsmöglichkeiten: Ist ein Abstieg nur nach oben oder auch nach unten möglich?
Sicherheitsaspekte
Ein grundlegender Schutz besteht darin, schnelle Spannungsabfälle am Seil zu vermeiden. Ebenso wichtig ist die sorgfältige Planung des Abstiegs – er birgt oft unterschätzte Risiken.
Zur Erhaltung der Konzentration gehört eine regelmäßige Kohlenhydratzufuhr, denn das Gehirn benötigt ausreichend Zucker für fokussiertes Denken. Auch Elektrolyte, ausreichend Schlaf vor der Tour und regelmäßige Pausen sind essenziell. Eine ordentliche Organisation des Rucksacks hilft, Material schnell griffbereit zu haben und Stress zu vermeiden.
Die Checkpunkt-Methode
Um während der Tour den Überblick zu behalten, hilft es, sich regelmäßig zu fragen:
- Haben wir unseren Zeitplan bis hierher eingehalten?
- Was sind die Konsequenzen bei einer Verspätung?
- Ist eine andere Seilschaft vor uns, die Steinschlag verursachen könnte?
- Habe ich noch Kraftreserven und kann ich bei Bedarf das Tempo erhöhen?
- Wie ist mein aktueller körperlicher und mentaler Zustand?
- Versuchen wir den Rotpunkt-Stil zu halten, oder ist ein Seilzug besser?
- Entsprechen die aktuellen Verhältnisse unseren Planungen?
- Welche Rückzugsmöglichkeiten gibt es, falls die Route nicht machbar ist?
Diese Reflexion hilft auch, das Risiko-Schub-Phänomen zu vermeiden – eine soziale Dynamik, bei der in Gruppen mehr Risiko eingegangen wird, weil die Verantwortung diffus geteilt wird. In einer kleinen Seilschaft ist dieses Bewusstsein besonders wichtig.
Ein weiterer Sicherheitsfaktor ist die Steinschlaggefahr, die je nach Wandneigung, Wanddimension und Frequentierung variiert. Wo immer möglich, sollten Partnerchecks durchgeführt werden:
- Ist die persönliche Schutzausrüstung (PSA) korrekt angelegt?
- Ist der Anseilknoten richtig gemacht?
- Wer trägt Notfallausrüstung und ein geladenes Handy bei sich?
- Haben alle genügend Verpflegung und Getränke dabei?
- Ist zusätzliche Kleidung für Wetterumschwünge vorhanden?
- Sind Topo, Karte und GPS-Gerät für das Gelände dabei?
Bei Unsicherheiten oder Fragen zu den Bedingungen ist es ratsam, Beratung bei Bergschulen, Touristeninformationen oder der Bergwacht einzuholen.
Zeitplanung
In der Praxis teilt sich der Zeitablauf meist in drei Phasen auf: den Zustieg zum Fels, die eigentliche Routendurchführung und den Abstieg. Häufig wird alles innerhalb eines Tages bewältigt.
Das Wetter sollte idealerweise schon eine Woche im Voraus überprüft werden, noch einmal am Tag davor sowie am Abend und Morgen des Tourentags. Wichtig sind außerdem Checkpunkte mit klar definierten Pufferzeiten, zum Beispiel: „Einstieg um 9 Uhr, bis 10:30 Uhr die ersten vier Seillängen geschafft haben, sonst Alternativplan?“ oder „Abstieg spätestens um 17 Uhr.“
Vorrang hat immer die Sicherheit gegenüber dem Zeitdruck. Lieber eine Tour rechtzeitig abbrechen, als jemanden unter Druck zu setzen. Fehler passieren oft, wenn man zu gehetzt ist.
Tipps für effiziente Zeiteinteilung
- Rucksack schon am Vorabend packen, um morgens entspannt starten zu können.
- Für den Zustieg luftige, atmungsaktive Kleidung wählen; verbessert das Körpergefühl und reduziert das Umziehen.
- Lieber fünf Minuten in die richtige Wegorientierung investieren, als eine Stunde durch Umwege verlieren.
- Ein mäßiges, konstantes Tempo ist besser als wechselndes Hoch und Tief mit Pausen.
- Phasen mit geringer körperlicher Aktivität (Essen am Standplatz, Route prüfen) für Aufgaben nutzen, die sonst zusätzliche Zeit kosten würden.
Auch das Topo der Route hilft bei der Zeitplanung. Anfänger oder weniger Trainierte sollten großzügige Puffer einrechnen und die tatsächlich benötigte Zeit tracken, um künftige Planungen zu verbessern.
Wetterkunde
Besonders die Steinschlaggefahr hängt oft direkt mit Wetterbedingungen zusammen. Im Frühjahr ist Vorsicht geboten, da Frost den Fels brüchig macht. Der Klimawandel führt zu Temperaturanstiegen, die vermehrt zu Steinschlag und Felsrutschungen führen können. Schmelz- und Regenwasser, das über den Fels fließt, kann Steine mitreißen, besonders bei Gewittern. Frostsprengungen durch gefrierende Nässe sowie starker Wind können locker liegende Blöcke und Geröll lösen.
Gewitterverhalten
Warnzeichen für ein Gewitter sind:
- Quellwolken und hohe Wolkentürme
- Stark abfallender Luftdruck
- Elmsfeuer (kleine elektrische Entladungen)
- Kribbeln in den Haaren
- Surren von Metallgegenständen
Bei einem Gewitter gilt es, folgende Regeln strikt einzuhalten:
- Grate und exponierte Wege meiden
- Abstand zu Stahlseilen halten
- Flucht aus Rinnen und wasserführenden Kaminen
- Klein zusammenkauern mit etwa drei Metern Abstand zur Felswand
- Eine Selbstsicherung anbringen, da Blitze Muskelkontraktionen auslösen und unkontrollierte Bewegungen verursachen können
Nützliche Apps für Wetterinfos und Tourenplanung: Bergfex, Google Wetter, DAV Wetter sowie Websites von Bergstationen und Webcam-Seiten in den Bergen.
Selbsteinschätzung
Mehrseillängen-Touren sind nicht nur eine körperliche, sondern vor allem eine mentale Herausforderung. Deshalb ist es wichtig, realistisch einzuschätzen, wo man steht, und klein anzufangen, um mit der Zeit sicherer und höher zu klettern.
Viele Menschen neigen dazu, ihre Fähigkeiten besser einzuschätzen als andere es tun würden. Deshalb hilft es enorm, Freunde und erfahrene Kletterpartner nach ihrer Einschätzung zu fragen. Noch wirkungsvoller ist eine schriftliche Selbsteinschätzung:
- Was treibt dich bei der geplanten Route an?
- Welche Stärken bringst du mit, und wo liegen deine Schwächen?
- Welche Situationen bringen dich an deine Grenzen, und was gibt dir Kraft?
Nicht zu unterschätzen ist die körperliche Fitness – ein Selbsttest der Kondition schafft zusätzliche Sicherheit. Zu beachten ist auch: In Stresssituationen ist erlerntes Wissen oft nicht mehr abrufbar. Daher gilt: nicht nur wissen, sondern vorbereitet sein – durch Training, Routinen und mentale Stärke.
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