BETAMOVE kombiniert kompaktes Equipment-Know-how mit angeleiteten Hands-on-Übungen, damit Maßnahmen im Ernstfall sitzen und das Team souverän handelt.
Grundprinzip
Eigene Sicherheit geht vor Fremdhilfe. Vor jedem Handgriff die Lage checken: Steinschlag, Absturzgelände, Nässe, Wetter, weitere Gefahren. Erst wenn der Standort für Helfende und Verunfallte ausreichend sicher ist, beginnt die Versorgung. Gefahren nach Möglichkeit minimieren (Helm auf, Stand herstellen, Bereich sichern), dann strukturiert vorgehen: ansprechen, Überblick gewinnen, kritische Blutungen sofort stoppen, danach systematisch prüfen und handeln.
Ist die Person so stark verletzt, dass externe Hilfe benötigt wird, muss der Notruf frühzeitig abgesetzt werden – mit klaren Angaben zu Ort/Koordinaten, Anzahl und Zustand der Betroffenen, Art des Unfalls, Wetter und Zugänglichkeit. So bleibt Hilfe planbar, die Versorgung geordnet, und das Risiko für alle Beteiligten sinkt.
Minimal-Setup: Erste-Hilfe-Equipment am Fels
Eine schlanke, gut organisierte Erste-Hilfe-Ausrüstung macht im Ernstfall den Unterschied. Entscheidend sind Verfügbarkeit (griffbereit), Witterungsschutz (wasserdicht) und Wiederbefüllung (Checkplan).
Pflichtausrüstung im Klettergarten
- Einweghandschuhe: Schützen Helfende vor Blutkontakt und halten Wunden sauber. Nitril ist reißfest und allergiearm.
- Rettungsdecke: Reduziert Wärmeverlust oder schützt vor Überhitzung. Goldseite nach außen wärmt, Silber nach außen reflektiert Sonne.
- Kompaktes Erste-Hilfe-Kit: Wundauflagen/Kompressen, elastische Binde zum Fixieren/Druckverband, Pflasterstrips/Steri-Strips für kleine Wunden, kleine Schere, Desinfektionstücher oder -spray.
- Tape/Leukotape: Stabilisiert Finger/Handgelenk, fixiert Verbände oder Schienen provisorisch.
- Beatmungstuch: Einweg-Tuch mit Ventil für Mund-zu-Mund/Nase, reduziert Infektionsrisiko bei Reanimation.
- Traubenzucker: Schnelle Glukosegabe bei Unterzucker, Schwindel, Erschöpfung.
- Handy für Notruf: Akku laden, Offline-Karten/Koordinaten-App parat, Notfallkontakte hinterlegt.
Weiteres wichtiges Equipment
- Emergency Bandage: Kombinierter Druckverband mit integrierter Druckapplikation; stoppt starke Blutungen schneller und sicherer als ein improvisierter Verband.
- Sam Splint: Leichte, formbare Alu-Schaum-Schiene zur Schienung von Arm/Handgelenk/Knöchel.
- Biwaksack: Wetter- und Nässeschutz für Verletzte, mindert Unterkühlung.
- Kühlpack zum Knicken: Aktivierbares Kältepack zur akuten Schmerzlinderung bei Prellungen/Distorsionen (nicht direkt auf die Haut).
Zusatz für Mehrseillängen und entlegenes Gelände
- Zwei Rettungsdecken (eine unter, eine über die Person), Biwaksack (2-Personen optional), Stirnlampe mit Ersatzbatterien.
- Kleines Messer/Schere zum Trennen von Bandmaterial, Wärmepack/Heatpacks gegen Auskühlung.
- Tourniquet (nur bei Training/Einweisung) zur Blutstillung lebensbedrohlicher Extremitätenblutungen, wenn Druckverband nicht wirkt.
- Walkie-Talkie für Teamkoordination in der Wand, mehr als ein Erste-Hilfe-Kit in der Seilschaft verteilt, zwei Handys als Redundanz.
- Reepschnur/Schlinge und Kenntnisse in behelfsmäßigen Rettungstechniken (Entlasten, Kurzseil, improvisierte Fixierung), um Positionen zu sichern oder Patient*innen umzusetzen, bis professionelle Hilfe eintrifft.
Alles wasserdicht verstauen (Drybag), griffbereit im Deckelfach statt im Seilsack „versteckt", und nach jedem Einsatz oder Monatswechsel Bestände, Verfallsdaten und Verbrauchsartikel prüfen.
Typische Verletzungen und praxisnahe Versorgung
Stürze führen häufig zu Prellungen, Distorsionen oder Frakturen. Bei hartem Aufprall gilt zusätzlich: Verdacht auf Wirbelsäulen- oder Kopfverletzung muss schnell erkannt werden – nicht bewegen, Wärmeerhalt priorisieren, früh den Notruf absetzen. Gelenke schienen oder ruhigstellen (elastische Binde oder Sam-Splint), Kühlpacks bei frischen Prellungen immer mit Tuch zum Hautschutz nutzen.
Wunden und Blutungen reichen von Schürf- bis Schnittverletzungen. Kleinere Cuts werden mit sterilen Wundauflagen abgedeckt und mit elastischer Binde oder Tape fixiert, für klaffende, saubere Hautrisse eignen sich Steri-Strips. Bei starker Blutung ist der Druckverband (Emergency Bandage) notwendig – kommt weiter Blut, muss zusätzlicher Druck aufgebaut werden, der Verband bleibt drauf. Handschuhe schützen Helfende und Verletzte.
Finger und Haut sind kletterspezifisch oft betroffen: Kapsel- oder Ringbandreizungen kündigen sich durch stechenden Schmerz und Schwellung an. Akut helfen Entlastung, vorsichtiges Kühlen und funktionelles Taping. Bei deutlichem Schmerz, hörbarem „Schnalzen" oder Instabilität besser schienen und ärztlich abklären lassen.
Erschöpfung, Unterkühlung oder Hitzeprobleme treten schnell auf, besonders bei Wind, Schauer oder langer Sonnenexposition. Wärmeerhalt beginnt mit Isolation gegen Boden und Wind (Rettungsdecke, besser Biwaksack). Bei Erschöpfung oder drohendem Unterzucker zügig Kohlenhydrate zuführen (Traubenzucker) und trinken lassen. Bei Bewusstseinsstörungen oder Erbrechen sofort den Notruf absetzen.
Praktische Reihenfolge im Einsatz: eigene Sicherheit herstellen, Lage checken, starke Blutungen sofort stoppen, Betroffene wärmen, schmerzende oder instabile Bereiche ruhigstellen, frühzeitig Hilfe alarmieren.
Das XABCDE-Schema
Eine klare, outdoor-taugliche Struktur zur schnellen Identifikation und Handlung. Der Fokus liegt erst auf Lebensbedrohliches, danach wird systematisch weitergearbeitet. Nach jeder Maßnahme folgt ein erneutes Re-Assessment, bis Expert*innen übernehmen.
X – Critical Bleeding
Prüffragen: Liegt eine starke äußere Blutung vor? Venös (gleichmäßig) oder arteriell (stoßweise, hellrot)? Besteht Gefahr von Hypothermie durch Blutverlust?
Maßnahmen: Sofort Druckverband anlegen (idealerweise Emergency Bandage). Bei weiterhin starker Extremitätenblutung Tourniquet oberhalb der Wunde anlegen und Uhrzeit dokumentieren. Gleichzeitig Wärmeerhalt einleiten, Windschutz schaffen.
A/B – Airway/Breathing
Prüffragen: Ist die Person ansprechbar? Sind die Atemwege frei? Ist eine Atmung vorhanden und wirksam? Droht Verlegung/Schwellung? Zeichen für HWS-Beteiligung?
Maßnahmen: Schonende Kopfpositionierung zur Freihaltung der Atemwege (bei Verdacht auf HWS-Schaden möglichst schonen); Esmarch-Handgriff einsetzen; Fremdkörper vorsichtig entfernen, wenn sichtbar und erreichbar; soweit ausgebildet Guedel- oder Wendl-Tubus, bewusstlose aber atmende Person in stabile Seitenlage bringen; bei Hängen in der Wand behelfsmäßiger Brustgurt/aufrechte Lagerung zur Entlastung, zügig aus dem Hängesturz überführen; atemunterstützende Lagerung (Oberkörper leicht hoch); bei Atemstillstand Beatmung/HLW gemäß Ausbildung.
B – Vertieft: Atmung beurteilen
Prüffragen: Atemfrequenz/-tiefe/-muster? Thoraxbewegung symmetrisch? Atemgeräusche? Zyanose? Halsvenen gestaut?
Maßnahmen: Atemerleichternde Lagerung (Sitzposition, stabile Seitenlage); wenn vorhanden und ausgebildet Sauerstoffgabe, bei insuffizienter Atmung assistierte/kontrollierte Beatmung. Bei Verdacht auf Spannungspneumothorax sind invasive Maßnahmen ausschließlich fachkundigem Personal vorbehalten.
C – Circulation
Prüffragen: Puls (Frequenz, Qualität, Rhythmus)? Rekapillarisierungszeit (Fingernagelprobe)? Hautkolorit/-temperatur/-feuchtigkeit? Weitere Blutungsquellen? Große Knochen verletzt (Becken, Femur)? Abwehrspannung im Abdomen? Verdacht auf Beckenverletzung (KISS: Kinetik, Inspektion, Schmerzen, Stabilisierung)?
Maßnahmen: Noch sichtbare Blutungen stillen; Wärmeerhalt priorisieren; schmerzhaft instabile Areale ruhigstellen; bei Verdacht auf Beckenverletzung Becken stabilisieren; Flüssigkeit/Zucker geben, wenn bei Bewusstsein und kein Aspirationsrisiko (Hypoglykämieverdacht → Glukose).
D – Disability (neurologisch)
Prüffragen: Bewusstseinslage per AVPU oder GCS einschätzen; Pupillenreaktion; Motorik und Sprache – BE-FAST-Screening (Balance, Eyes, Face, Arm, Speech, Time); Blutzucker messen, wenn möglich.
Maßnahmen: Ursache behandeln, wenn möglich (z. B. Hypoglykämie → Glukosegabe); ruhige, reizarme Umgebung, Wärmeerhalt; engmaschiges Monitoring von Bewusstsein, Pupillen, Motorik, Sprache.
E – Environment/Exposure
Prüffragen: Gibt es weitere, übersehene Verletzungen? Ödeme/Schwellungen? Wie ist die Körpertemperatur? Welche Umweltfaktoren verschlechtern den Zustand (Windchill, Nässe, Sonne)?
Maßnahmen: Vollständiger Bodycheck (unter Kleidung), verletzungsadäquat und mit Rücksicht auf Kälte; nasse Kleidung ersetzen, zusätzliche Schichten/Heatpacks, Wind- und Nässeschutz; Umgebung sichern, Zugänge für Rettung bedenken.
Re-Assessment
Nach jeder Intervention wieder bei X beginnen und das Schema zügig durchlaufen. Zustandsänderungen dokumentieren (Zeit, Maßnahme, Wirkung), frühzeitig und strukturiert Notruf absetzen (Ort/Koordinaten, Anzahl, Zustand, Mechanismus, Wetter, Zugang), bis zur Übergabe an die Rettung regelmäßig prüfen, wärmen und beobachten.
Hinweise zur Anwendung
- Eigene Sicherheit zuerst: Nur in sicherer Position helfen (Helm/Stand, Gefahren minimieren).
- HWS-Schonung: Bei Traumaverdacht auf HWS-Verletzung Kopf/Hals neutral halten; improvisierte Zervikalstütze nur, wenn es die Lage zulässt.
- Kompetenzen beachten: Invasive Maßnahmen gehören in fachkundige Hände. Basismaßnahmen (Druckverband, Lagerung, Wärmen, Atemwege freihalten, HLW) sind die lebensrettenden Hebel.
- Kommunikation: Aufgaben im Team verteilen (Maßnahmen, Notruf, Material, Umfeldsicherung), klare Rückmeldungen, kurze Zeitmarker nennen.
Kommunikation und Notruf
Ein klarer Notruf spart Zeit und rettet Leben. Die Kernfragen:
- Wer meldet den Notfall? Was ist passiert? Wo genau (Koordinaten/markante Punkte)?
- Wie viele Betroffene? Wie schwer verletzt? Wie ist das Wetter? Wie ist der Zugang?
Diese Informationen strukturiert übermitteln und erreichbar bleiben. Bei Funklöchern den Standort wechseln, Höhenmeter oder Geländekanten nutzen, regelmäßig erneut 112/140/144 wählen und Parallelwege prüfen. Für die Luftrettung: Arme zu einem großen Y heben heißt YES (Ja), ein Arm nach oben und einer nach unten heißt NO (Nein). Kontrastreiche Kleidung/Signalweste ausbreiten, loses Material sichern und Staub/Seile vom Landeplatz fernhalten.
Entscheidungsbäume für den Rückzug
Fähig mit Hand-/Armverletzung
Fragen: Kann selbstständig gegangen/abgestiegen werden? Wie sind Gelände, Distanz, Wetterfenster und Tageslicht? Gibt es Puffer für Pausen und Umwege? Handlung: entlasten, Schienung/Taping, Wärmeerhalt, moderates Tempo, klare Etappen bis zum sicheren Punkt – bei Verschlechterung Abbruch und Hilfe anfordern.
Nicht gehfähig, starke Blutung oder Wirbelsäulenverdacht
Fragen: Ist die Stelle gegen Steinschlag/Absturz gesichert? Sind kritische Blutungen gestoppt? Ist die Person gewärmt und stabil gelagert? Handlung: Unfallstelle sichern, lebensbedrohliche Blutungen sofort stillen, Wärmeschutz, frühzeitiger Notruf, Rettungszugang vorbereiten (Koordinaten, Zustiege beschreiben, Markierung/Einweiser).
Mehrseillängen-Szenario
Fragen: Ist der Stand sicher und redundant? Wie ist die Kommunikation in der Seilschaft? Reicht Material für Abseilen/Stand-auf-Stand-Rückzug? Zeit-/Wetterfenster ausreichend? Handlung: Stand sichern, Partnerrollen klären, Materialinventur, Strategie wählen (Abseilpiste vs. gesicherter Rückzug standweise), Seilverlauf/Verhänger vermeiden, klare Kommandos, Redundanzen, spätestens bei Zweifel Notruf veranlassen.
Abbruchkriterien: Sobald der Schmerz deutlich zunimmt, neurologische Auffälligkeiten auftreten (Taubheit, Lähmungen, Sprach-/Sehstörungen), Wetter/Temperatur kippen oder die Tageszeit das sichere Weiterkommen gefährdet, hat Sicherheit Vorrang vor dem Gipfel. Mehr dazu im Artikel Taktik und Routenplanung bei Mehrseillängen.
Fazit
Unabhängig davon, ob Sportklettern im Klettergarten oder Mehrseillängen im alpinen Gelände: solide Erste-Hilfe-Praxis ist unverzichtbar. Sie beginnt mit bewusst ausgewähltem, griffbereit organisiertem Equipment und wird erst durch regelmäßiges Training, Drills und realitätsnahe Übungsszenarien wirklich wirksam. Wer die eigene Ausrüstung kennt, Handgriffe routiniert beherrscht und Abläufe wie das XABCDE-Schema verinnerlicht, handelt in kritischen Minuten schneller, sicherer und strukturierter.
Material ohne Übung bleibt Theorie, Übung ohne Material bleibt unvollständig. BETAMOVE bietet spezialisierte Erste-Hilfe-Kurse auf Anfrage an, die realistische Übungsszenarien schaffen – vom XABCDE-Flow bis zum Druckverband.
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